Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Meine Diagnose ist kein Makel – sie ist mein Motor

Ich habe eine Diagnose.
Und ich schäme mich nicht dafür.
Ich verstecke sie nicht.
Ich benutze sie nicht als Entschuldigung.
Ich benenne sie – weil sie zu mir gehört.


Histrionische Persönlichkeitsstörung.
Ein sperriges, schweres Wort.
Aber hinter diesem Begriff steckt etwas sehr Menschliches:
Ein tiefes Bedürfnis, gesehen zu werden.
Ein starker Wunsch nach Resonanz.
Ein Ausdrucksdrang, der aus der Tiefe kommt.


Ich habe lange geglaubt, das sei falsch.
Zu viel.
Zu emotional.
Zu empfindlich.
Ich habe versucht, mich zu zähmen,
mich zu disziplinieren,
mich so zu verhalten, wie es das System von mir verlangt.


Ich war Lehrer. Beamter.
Ich war loyal, korrekt, strukturiert.
Und gleichzeitig innerlich zerrissen.


Und doch war ich lange Zeit in meinem Beruf zuhause.
Zwischen 2004 und 2015 war ich ein anerkannter, erfolgreicher Lehrer.
Ich habe viel zurückbekommen: Respekt, Freude, Sinn.
Es gab Nischen im System, in denen ich wirken konnte.
Orte, an denen ich mich gesehen und getragen fühlte.
Momente, in denen ich gespürt habe: Ich gehöre hierher.


Krank wurde ich nicht einfach irgendwann.
Krank wurde ich, weil ich Unrecht sah – und aufstand.
Weil ich nicht mehr schweigen konnte.
Weil ich Verantwortung übernommen habe –
für Schüler, für Kolleg*innen, für Gerechtigkeit.
Und weil ich dafür angegriffen wurde.
Weil ich zu viel sah.
Weil ich zu viel wagte.
Weil das System keine Stimme duldete, die stört.


Und irgendwann verstand ich:
Meine Lebendigkeit ist keine Störung.
Sie wurde nur vom falschen System gespiegelt.


In der Therapie habe ich nicht nur meine Geschichte erzählt –
ich habe sie neu verstanden.
Ich habe die Wurzeln meiner Überanpassung erkannt.
Und den Mut gefunden, mich nicht mehr zu verstecken.


Heute sage ich:
Meine Diagnose ist kein Makel – sie ist mein Motor.


Sie macht mich empfindsam.
Sie macht mich kreativ.
Sie macht mich wach für das, was nicht stimmt.


Sie erklärt, warum ich nicht schweigen konnte,
als ich Unrecht erlebt habe.
Warum ich geschrieben habe,
während andere geschwiegen haben.
Warum ich heute öffentlich werde,
auch wenn ich mit Repressalien rechne.


Ich schreibe, weil ich heilen will.
Ich schreibe, weil ich sonst krank bleibe.
Für mich ist das Wort ein Weg zurück zu mir.


Ich schreibe nicht, weil ich perfekt bin.
Ich schreibe, weil ich echt bin.
Und weil ich weiß:
In einer Welt, in der so viele funktionieren,
ist es heilend, einfach Mensch zu sein.


Wenn du dich hier wiedererkennst,
wenn du manchmal denkst, du fühlst zu viel,
bist zu direkt, zu verletzlich, zu laut –
dann weißt du jetzt:
Du bist nicht allein.
Und vielleicht ist auch deine Verletzlichkeit ein Motor.

www.verwundet-im-system.de
Mein Blog – meine Geschichte – vielleicht auch ein Stück deine.

Zurück zur Startseite bitte hier klicken