Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Kapitel 11: Wenn das System blind bleibt – Das zweite Verlassenwerden

Ich war loyal.
Ich war engagiert.
Ich war voller Hoffnung.

Und ich dachte lange:
Wenn man sich ehrlich einsetzt –
wenn man offen spricht, Missstände benennt, Verantwortung übernimmt –
dann wird man irgendwann gesehen. Gehört. Geschützt.

Aber das System blieb stumm.


Nicht, weil es mich nicht kannte.
Sondern weil es mich nicht kennen wollte.

Meine Briefe blieben unbeantwortet.
Meine Warnungen ignoriert.
Meine Bitten um Unterstützung liefen ins Leere.

Und irgendwann stand ich da –
wie damals vor der Küchentür.
Wieder ausgeschlossen.
Wieder ohne Erklärung.
Wieder ohne Antwort.


Das zweite Verlassenwerden.
Diesmal nicht durch eine Mutter.
Sondern durch eine Institution.

Und doch fühlte es sich gleich an.
Kalt. Ohnmächtig. Demütigend.

Ich hatte alles gegeben.
Ich hatte mich eingesetzt – für andere, für Schüler, für Gerechtigkeit.
Ich hatte meine Gesundheit riskiert, meine Zeit, meine Stimme.

Aber das System drehte sich weg.
Es wollte keinen Spiegel.
Es wollte Ruhe.


Manchmal habe ich gedacht:
Vielleicht war ich zu fordernd.
Vielleicht zu laut.
Vielleicht war ich einfach unbequem.

Aber heute weiß ich:
Ich war nicht unbequem – ich war aufrichtig.
Und das hat nicht in eine Struktur gepasst,
die lieber funktioniert, als fühlt.


Ich wurde aussortiert.
Abgestellt.
Krankgeschrieben.
Weiterversetzt.
Untersucht. Bewertet.
Aber nie: gehört.


Und dieses Schweigen –
es war lauter als jeder Tadel.
Denn es sagte mir:
Du bist uns zu viel.
Nicht im Verhalten – im Sein.


Aber ich bin heute nicht mehr fünf.
Ich war nicht schuld.
Ich war nicht falsch.
Ich war nur mutig genug,
nicht zu schweigen.


Das zweite Verlassenwerden hat wehgetan.
Aber es hat mir auch gezeigt:
Ich überlebe. Auch das.

Und diesmal bin ich nicht mehr still.

Amtsärztin

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Kindheit – von Anfang an