Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Kapitel 8: Schule als Bühne – Der Systemabdruck im Beruf

Ich hätte es merken können.
Wie vertraut sich alles anfühlte.
Wie sehr mich bestimmte Situationen getriggert haben –
nicht, weil sie neu waren,
sondern weil sie alt waren.
Alt wie mein inneres Muster.


Die Schule war mein Beruf.
Aber sie war auch meine Wiederholung.
Meine Bühne. Mein Kampfplatz. Mein Zuhause – und mein Trauma.

Ich kam als Lehrer –
mit Idealen, mit Leidenschaft, mit dem Wunsch, etwas zu bewirken.
Und gleichzeitig:
mit einem inneren Kind, das alles kannte.


Ich kannte das System:
Die starren Regeln.
Die implizite Machthierarchie.
Das „So macht man das halt“.
Die Kälte hinter dem Lächeln.
Das Misstrauen gegenüber dem, der es anders macht.

Ich kannte es –
weil ich es von zu Hause kannte.


Und ich wusste auch sofort, was ich tun musste, um zu überleben:
Anpassen. Funktionieren. Retten. Stark sein. Besonders sein.
Ich wurde genau das, was ich als Kind schon war –
nur diesmal als Erwachsener mit Anstellung.


Ich kämpfte für Schüler. Für Kolleginnen. Für Gerechtigkeit.
Ich hielt Vorträge. Übernahm Verantwortung.
Ich war der Gute.
Aber in mir kämpfte ein kleiner Junge gegen seine Mutter –
verkleidet als Lehrer gegen das System.


Und das System?
War wie früher.
Wenig interessiert an meinem Inneren.
Aber sehr daran, dass ich die Regeln einhalte.

Ich war wieder in einem Raum mit geschlossenen Türen.
Und wieder schob ich Zettel hindurch – nur waren es jetzt Dienstaufsichtsbeschwerden.


Heute sehe ich klar:
Ich habe das System nicht nur hinterfragt –
ich habe es mit meiner Vergangenheit verwechselt.

Die Schule war nicht meine Mutter.
Der Schulleiter war nicht der Richter über meinen Wert.
Und das Kultusministerium war nicht die Instanz,
die mir endlich sagen sollte: Du bist gut, wie du bist.


Aber das zu erkennen, hat Jahre gedauert.
Und es hat mich krank gemacht.
Weil ich nie für das gekämpft habe, was war –
sondern für das, was nie war.


Ich wollte, dass sich endlich jemand für mich einsetzt.
Dass sich jemand auf meine Seite stellt.
Dass jemand sieht, was ich tue. Was ich trage. Was ich opfere.

Aber das war der Wunsch des Kindes.
Nicht die Aufgabe des Systems.


Heute lerne ich, zu unterscheiden.
Zwischen damals und heute.
Zwischen Kindheitsdrama und Gegenwart.
Zwischen Kampf und Klarheit.

Ich muss nicht mehr kämpfen, um gesehen zu werden.
Ich darf da sein – auch wenn niemand klatscht.

Amtsärztin

Über mich

Hier anfangen zu lesen: Kapitel 1: Die Tür zum Kinderzimmer – Wie alles begann