Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Kapitel 5: Die Bühne der Kindheit – Besonders sein oder verschwinden

Es gab keinen roten Vorhang.
Kein Rampenlicht. Kein Applaus.
Und doch war alles Bühne.

Ich stand da.
Am Klavier.
Im Fußballtrikot.
Mit einem Pokal in der Hand.
Mit einer Eins in Mathe.
Mit einer Rolle, die man mir zugewiesen hatte –
und die ich perfekt ausfüllte.


Ich war der Stolz.
Der, der funktioniert.
Der, der zeigt, dass alles gut ist in der Familie.
Der Beweis, dass die Mutter alles im Griff hat.
Der Beweis, dass Erziehung erfolgreich sein kann.

Aber nur solange ich etwas darstellte.
Nur solange ich brillant war.
Nur solange ich keine Scham machte.


Die Botschaft war nie laut.
Aber sie war klar:

„Wenn du besonders bist – wirst du geliebt.
Wenn du einfach nur bist – störst du.“


Ich war also besonders.
Ich spielte Klavier, wenn Gäste kamen.
Ich schoss Tore, wenn Zuschauer da waren.
Ich sagte kluge Dinge, wenn Erwachsene zuhörten.

Und ich lächelte. Immer.


Aber irgendwann verwechselst du die Maske mit dem Gesicht.
Du glaubst, du bist diese Rolle.
Du glaubst, dein Wert hängt davon ab, ob du glänzt.
Ob du außergewöhnlich bist.
Ob du irgendjemandem etwas beweist.

Und das Schlimmste ist:
Du verlierst irgendwann den Kontakt zu dem, der hinter der Rolle steht.


Ich wusste, wie man Erwartungen erfüllt.
Ich wusste, wie man wirkt.
Aber ich wusste nicht, wie man einfach ist.

Ohne Leistung.
Ohne Funktion.
Ohne Show.


Heute verstehe ich:
Diese Bühne war keine Bühne. Sie war ein Käfig.
Gold lackiert – aber mit Regeln, die mich innerlich klein gemacht haben.

Denn wer immer besonders sein muss,
lebt in ständiger Angst, gewöhnlich zu sein.


Und jetzt?

Jetzt stehe ich noch immer manchmal auf dieser Bühne.
Nicht im Fußballstadion. Nicht am Klavier.
Sondern im Leben. Im Netz. Im Streit mit dem System.

Aber ich trete langsam ab.
Nicht, weil ich versagt habe.
Sondern weil ich endlich verstanden habe:

Ich darf auch ohne Applaus existieren.

Amtsärztin

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