Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Kapitel 4: Anerkennung um jeden Preis – Der kleine Retter

Ich war anfangs nicht das laute Kind.
Nicht das Kind, das Türen knallte oder protestierte.
Ich war das Kind, das verstand – oder es zumindest versuchte.

Das die Stimmung fühlte, bevor jemand etwas sagte.
Das einsprang, wenn etwas fehlte.
Das sich zurücknahm, wenn es zu viel wurde.

Ich war der, der Frieden stiften wollte.
Der Harmonie schuf, wo keine war.
Und der sich selbst dafür aufgab.

Manchmal denke ich:
Ich war kein Kind, ich war ein Funktionsträger.
Ein emotionaler Puffer.
Ein Seismograph für Spannungen.

Wenn meine Mutter schlecht drauf war, war es meine Aufgabe, das zu ändern.
Ich war zuständig für ihre Laune.
Für ihren Tonfall. Ihre Spannung. Ihr Schweigen.

Ich war besonders brav, wenn sie gereizt war.
Ich machte mich klein, wenn sie groß wurde.

Ich spürte sie, bevor sie etwas sagte.
Und ich versuchte, alles richtig zu machen –
in der Hoffnung, dass es dann heller wird im Raum.

Nicht, weil ich musste –
sondern weil ich dachte, dass ich es tun sollte.
Dass ich dann vielleicht mehr war. Besser. Richtiger.

Und genau das habe ich später perfektioniert.
Im Beruf. Im Kollegium. Im Leben.

Ich habe mich zuständig gefühlt.
Für alles. Für alle. Für das große Ganze.
Ich war der, der organisiert hat. Der zugehört hat. Der sich eingesetzt hat.

Ich wurde Lehrer – und brachte gleich mein altes Muster mit.
Ich wurde Personalrat – und kämpfte gegen das, was ich als Unrecht empfand.
Nicht für Macht. Nicht für Ehre.
Sondern, weil ich glaubte, dass mein Wert darin liegt, andere zu retten.

Aber tief innen war es das Kind, das da kämpfte.
Das Kind, das lernen musste:
Wenn du nützlich bist, wirst du nicht weggeschickt.
Wenn du gibst, wirst du nicht verlassen.
Wenn du stark bist, wirst du vielleicht geliebt.

Ich habe mich verbogen.
Ich habe mehr gegeben, als ich hatte.
Und ich habe so oft gedacht:
Vielleicht sehen sie es ja jetzt.
Vielleicht versteht es jetzt jemand.
Vielleicht sagt endlich jemand: Danke. Oder: Bleib.

Aber auch das kam nicht.
Denn wer sich nur über Leistung definiert, wird selten als Mensch gesehen.

Heute frage ich mich:
Wer hätte mich gerettet?
Damals?
Wer hätte mich einfach in den Arm genommen,
ohne dass ich erst alles für ihn tun muss?

Ich weiß es nicht.
Aber ich will heute anfangen, es selbst zu sein.

Ich will dem kleinen Retter sagen:
Du darfst einfach da sein.
Ohne Plan. Ohne Leistung. Ohne Auftrag.

Denn du bist nicht auf der Welt, um gebraucht zu werden.
Du bist auf der Welt, um geliebt zu werden.

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