
Ich glaube, genau dort liegt der Ursprung meiner Hypersensibilität.
Wenn du in einem starren, unausgesprochenen System aufwächst –
in dem Blicke mehr wiegen als Worte,
in dem kleine Abweichungen große Wirkung haben,
in dem Regeln nie erklärt, aber immer erwartet werden –
dann lernst du früh zu scannen.
Du lernst, Räume zu lesen.
Gesichter. Gesten. Stimmlagen.
Du lernst, Dinge zu spüren, bevor sie ausgesprochen werden.
Ich konnte spüren, wenn etwas nicht stimmte –
noch bevor es sichtbar wurde.
Manchmal war es nur ein schiefer Blick.
Ein angespannter Kiefer.
Ein zu langes Schweigen.
Ich wusste: Gleich ist etwas falsch.
Oder ich bin es.
Diese Wachsamkeit wurde zu einem ständigen Begleiter.
Früher nannte man mich empfindlich.
Später sensibel.
Heute weiß ich: Ich bin ein Scanner.
Ich nehme Spannungen wahr, bevor sie die anderen überhaupt fühlen.
Ich spüre, wenn ein Raum kippt.
Wenn jemand ausweicht.
Wenn ein System ins Wanken gerät, auch wenn es äußerlich noch still ist.
Früher war das Überlebensstrategie.
Heute ist es meine Wahrnehmung.
Und manchmal auch meine Überforderung.
Denn Scanner sehen mehr, als sie verarbeiten können.
Sie erkennen Muster – auch dann, wenn niemand darüber spricht.
Sie spüren Systemfehler.
In Familien. In Teams. In Behörden.
Und sie halten das kaum aus.
Ich habe versucht, mich anzupassen.
Lange.
Aber das System hat meine Wahrnehmung nie zurückgespiegelt.
Nicht als Gabe.
Nicht als Kompetenz.
Sondern als Störung.
Heute weiß ich: Ich war nicht zu sensibel.
Ich war nur zu wach in einem System, das taub bleiben wollte.
Wie alles begann: Kapitel 1: Die Tür zum Kinderzimmer – Wie alles begann