Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Kapitel 3: System Mutter – Regeln ohne Grund

Es gab bei uns zu Hause ein System.
Nicht aufgeschrieben, nicht erklärt – aber immer da.
Eine stille Ordnung, wie ein unsichtbares Gesetz, das über allem schwebte.
Man konnte es nicht greifen, aber man spürte es mit jeder Faser.

Essenszeit war Essenszeit. Punkt.
Nicht früher, nicht später.
Kein Hunger, kein Weinen, kein Gespräch zählte.
Wer zu spät kam, wurde nicht direkt ausgeschlossen – aber schräg angeschaut.
Die Botschaft war klar: Du hast gegen die Regel verstoßen.

Man durfte mitessen.
Aber mit schlechtem Gewissen.
Mit dem Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben.

Egal, wie alt man war – auch noch als Jugendlicher oder junger Erwachsener:
Am Wochenende, 9:30 Uhr – Frühstück – immer.
Erscheinen war Pflicht.

Und nachmittags?
Kaffeetrinken – immer – dann, wenn Mutter es wollte.
Nicht früher. Nicht später. Nicht anders.

Für meine Mutter selbst galt diese Regel übrigens nicht.
Sie konnte auch später kommen. Oder früher. Oder gar nicht.
Denn sie war die, die das System aufstellte – und ihm gleichzeitig nicht unterlag.

Es gab keine Diskussionen. Keine Erklärungen. Keine Nachsicht.
Fragen? Unerwünscht.
„Warum?“ war eine Provokation.
Es gab keine Antwort.
Es war einfach so.
Ein ungeschriebenes Gesetz.
Nicht erklärt. Nicht begründet.
Aber absolut.

Ich erinnere mich an Blicke, an bestimmte Gesten –
winzige, aber deutliche Signale, dass man einen Fehler gemacht hatte.
Man lernte, sich selbst zu beobachten. Zu kontrollieren.
Nicht, um zu verstehen – sondern um zu überleben.

Ich wusste früh:
In diesem System zählt nicht, was du brauchst.
Sondern, dass du dich einfügst.

Ich habe gelernt, mich selbst zu beobachten.
Nicht um mich zu verstehen –
sondern um herauszufinden, was andere von mir erwarten.

Dieses stumme System hat mich geprägt.
Nicht nur als Kind.
Es hat mein ganzes Wahrnehmen verändert.
Meine Sinne geschärft.
Meine Alarmbereitschaft verstärkt.

Und vielleicht erklärt das,
warum ich heute so vieles spüre.
Warum ich so fein reagiere.
Warum ich Spannungen erkenne,
auch wenn sie noch keiner ausgesprochen hat.

Amtsärztin

Über mich

Hier anfangen zu lesen: Kapitel 1: Die Tür zum Kinderzimmer – Wie alles begann

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