Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Kapitel 3.7 – System Mutter – Die Wiederholung

Ich dachte, ich hätte es hinter mir gelassen.
Das System Mutter.
Die stille Dressur.
Die unausgesprochenen Regeln, die man spüren musste,
aber nicht benennen durfte.

Und dann kam ich an einen Ort,
an dem es Regeln gab.
Klarheit. Strukturen.
Ein öffentliches System –
mit Gesetzen, mit Zuständigkeiten, mit Rechten.

Doch was ich erlebte, war:
Die Regeln galten nur dann, wenn sie dem Mächtigen nützten.

Der Schulleiter –
nicht als Teil eines Systems,
sondern als dessen Spitze.
Er bestimmte. Er überschritt.
Er nahm sich Raum, wo andere schweigen mussten.
Und wieder galt:
Nicht wer übergriff, war das Problem –
sondern der, der es benannte.

Ich sagte Nein.
Wieder.
Wie damals.

Ich stellte Fragen.
Ich widersprach.
Ich berief mich auf das Recht –
und wurde wieder zum Problem erklärt.

Denn in einem System, das sich selbst schützt,
wird Widerspruch nicht als Mut verstanden,
sondern als Störung.

Und ich spürte:
Die alte Geschichte wiederholte sich.
Nur diesmal trug sie Anzug und Titel.
Und ich war nicht mehr das Kind im Wohnzimmer,
sondern der Lehrer im Lehrerzimmer –
aber innerlich war ich wieder der Junge
vor der verschlossenen Tür.

Meine Reaktion?
Wut.

Nicht sachlich. Nicht juristisch abgeklärt.
Sondern roh.
Unverhältnismäßig vielleicht.
Aber echt.

Weil es keine Worte mehr gab.
Weil es kein Gehör gab.
Weil da wieder diese Ohnmacht war –
die nicht weinen durfte.

Denn Weinen war nie erlaubt.
Weinen konnte meine Mutter nicht halten.
Weinen machte hilflos.
Und Hilflosigkeit war gefährlich.

Also wählte ich die andere Option.
Wut.

Wut als Schutz.
Wut als Ausdruck.
Wut als letzter Versuch, gesehen zu werden.

Und genau das war wieder der perfekte Vorwurf:
Der Emotionalisierte.
Der Unkontrollierte.
Der, der nicht im Griff hat, was man im Griff haben muss.

So wurde aus dem Nein wieder ein Makel.
Aus dem Schutz ein Angriff.
Aus dem Widerstand ein Makel in der Akte.

Aber ich weiß heute:
Meine Wut war nicht das Problem.
Sie war der Beweis,
dass ich noch fühlte.
Dass ich mich nicht vollständig abgerichtet hatte.
Dass mein inneres System sich wehrte,
wo das äußere längst abgestumpft war.

Ich war nicht der Böse.
Ich war der, der fühlte.
In einem System,
das das Fühlen verlernt hatte.

Amtsärztin

Über mich

Von Anfang lesen