Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Kapitel 3.4 – System Mutter – Dressur im Namen der Nähe

Manchmal sah es von außen fast harmonisch aus.
Ordentlich. Ruhig. Kontrolliert.
Eine Familie, die funktionierte.
Ein Kind, das sich fügte.

Aber hinter dieser Fassade lag etwas anderes.
Etwas, das man nicht sofort sah –
aber spürte, wenn man genauer hinfühlte.

Ich spürte: Es war etwas schief.

Nicht in mir.
Sondern im System, das mich umgab.

Ein System, das Nähe versprach –
aber Bedingungen daran knüpfte.
Ein System, das Liebe zeigte –
aber nur, wenn ich funktionierte.

Ich war das brave Kind.
Anpassungsfähig.
Verlässlich.
Empathisch.

Aber ich spürte: Hier läuft etwas schief.
Regeln gab es keine – zumindest keine, die ausgesprochen wurden.
Und doch wusste jeder, was gilt.

Es war ein unsichtbares Gesetz.
Du sollst glänzen –
aber nie widersprechen.
Du sollst gehorchen –
aber so tun, als ob es freiwillig geschieht.

Ich sollte Klavier spielen, wenn Gäste kamen.
Lächeln.
Brillieren.
Funktionieren.

Ich wollte nicht.
Ich sagte es.
Doch „Nein“ war keine Option.
Es war ein Angriff.
Ein Affront.
Ein Bruch mit der stillen Ordnung.

Und so wurde mein Widerstand zum Problem.
Nicht das System war zu hart –
ich war zu empfindlich.
Nicht das Verhalten war grenzüberschreitend –
ich war zu trotzig.

Dabei war mein Widerstand kein Trotz.
Er war Selbstschutz.
Er war ein Aufbegehren gegen das Gefühl, benutzt zu werden.
Gegen das Gefühl, dass mein „Ich“ nicht zählt –
nur mein „Funktionieren“.

Denn das war das Perfide:
Es gab keine klaren Regeln.
Nur Erwartungen.
Nur Andeutungen.
Nur diese leise, lähmende Macht:
„Du weißt doch, was ich will.“

Und so konnte man mich immer schön als den Störer markieren.
Den Schwierigen.
Den Empfindsamen.
Den, der nicht mitspielt.

Dabei habe ich einfach nur gespürt,
dass es falsch ist,
sich selbst zu verraten –
für ein bisschen Liebe.

Heute sehe ich klarer:
Mein Nein war gesund.
Mein Widerspruch war mutig.
Mein Ungehorsam war ein Zeichen von innerer Integrität.

Ich war nicht undankbar.
Nicht aufmüpfig.
Ich war nur nicht mehr bereit, ein dressierter Affe zu sein
in einem Wohnzimmer, das Nähe vorgab,
aber Kontrolle meinte.

Amtsärztin

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