
Manchmal ist Liebe ein Strichmännchen.
Ein gemaltes Herz auf einem weißen Zettel.
Mit Filzstift, ein bisschen schief, ein bisschen krakelig.
Und daneben mein Name.
In Großbuchstaben. Damit sie ihn nicht übersieht.
Ich schob das Blatt ganz vorsichtig unter der Küchentür durch.
Dorthin, wo meine Mutter stand.
Dorthin, wo sie war. Dorthin, wo Töpfe klapperten und niemand sprach.
Ich weiß nicht mehr, ob sie die Zettel aufgehoben hat.
Ich weiß nur noch, dass sie nie zurückgeschoben wurden.
Ich habe versucht, gemocht zu werden.
Nicht durch Lautsein. Nicht durch Trotz.
Sondern durch Mühe. Durch Kreativität. Durch Hoffnung.
Ich dachte, wenn ich etwas schenke, dann kommt etwas zurück.
Ein Lächeln vielleicht. Eine Geste. Ein „Ich hab dich lieb“.
Aber nichts kam.
Und irgendwann habe ich aufgehört zu malen.
Nicht, weil ich nicht mehr konnte –
sondern weil ich gelernt hatte: Zuneigung muss man sich verdienen.
Und wenn sie trotzdem nicht kommt?
Dann war der Fehler wahrscheinlich bei mir.
So dachte ich als Kind.
Es ist seltsam, wie sich ein Leben lang alles daran aufreihen kann.
Diese Logik:
Tu etwas für andere – vielleicht wirst du gesehen.
Sei nützlich – vielleicht wirst du geliebt.
Gib mehr, als du hast – vielleicht reicht es irgendwann.
Ich wurde Lehrer.
Ich wurde Kämpfer.
Ich wurde Retter.
Und das Kind in mir malte weiter.
Unsichtbare Bilder. Für Kollegien. Für Vorgesetzte. Für ein ganzes System.
Immer in der Hoffnung: Wenn ich mich nur genug einsetze, ändert sich etwas.
Aber auch dieses System hat die Bilder nicht zurückgeschoben.
Heute erkenne ich:
Ich habe nicht nur für andere gekämpft.
Ich habe für mich gekämpft.
Für dieses kleine Kind, das noch immer vor der Tür sitzt –
und wartet.
Wartet auf Anerkennung. Auf Zuwendung. Auf eine Antwort.
Ich glaube, das ist einer der schwersten Sätze, die ich mir heute selbst sage:
Du wirst von manchen Menschen nie bekommen, was du brauchst.
Und das hat nichts mit deinem Wert zu tun.
Aber weißt du, was sich verändert hat?
Heute male ich nicht mehr.
Ich schreibe.
Nicht für andere.
Für mich.
Ich schreibe, um mich selbst zu sehen.
Mich selbst zu halten.
Ich schiebe keine Zettel mehr unter Türen.
Ich öffne sie.
Hier anfangen zu lesen: Kapitel 1: Die Tür zum Kinderzimmer – Wie alles begann