Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Kapitel 1: Die Tür zum Kinderzimmer – Wie alles begann

Es gibt keine großen Dramen in meiner frühesten Erinnerung. Keine Schreie, keine Schläge. Nur ein leises, kaltes „Geh auf dein Zimmer“.
Ich war vielleicht fünf.

Ich weiß noch, wie ich auf dem Teppich saß. Die Tür zu. Meine Mutter in der Küche. Und ich – verbannt.
Nicht, weil ich etwas Schlimmes getan hätte. Sondern weil ich „nicht richtig“ war. Zu laut. Zu emotional. Zu lebendig vielleicht.

Was genau falsch war, verstand ich nicht. Aber ich verstand, dass ich falsch war.

Also begann ich, mich zu bemühen.
Ich malte Bilder. Kleine Zettel. Und schob sie unter der Tür durch. Vielleicht, dachte ich, sieht sie dann, dass ich nicht böse bin.
Vielleicht öffnet sie die Tür. Vielleicht lächelt sie. Vielleicht sagt sie: Komm, alles ist gut.

Sie hat nie etwas gesagt.


Damals habe ich nicht geweint. Ich habe etwas viel Gravierenderes gelernt:
Dass Liebe Bedingungen hat.
Dass Zuwendung keine Selbstverständlichkeit ist.
Und dass man sich anpassen muss, wenn man dazugehören will.

Und ich habe gelernt: Wenn du willst, dass dich jemand sieht – dann mach etwas Besonderes.


Ich war gut. Ich war still. Ich war stark.
Ich spielte Klavier, wenn Gäste da waren. Ich erzielte Tore. Ich war der Junge, auf den man stolz sein konnte.

Aber ich war nie einfach nur: Ich.

Und das Kinderzimmer – dieser Ort, an dem alles begann – war lange nicht nur ein Raum.
Es war ein Gefühl. Ein Zustand. Ein innerer Ort der Trennung.

Erst heute verstehe ich, dass ich nicht nur aus dem Wohnzimmer verbannt wurde.
Ich wurde aus einer sicheren Bindung geworfen. Und habe seither versucht, mir diesen Platz zurückzuerobern.


Und vielleicht ist das der Ursprung von allem.
Vom Kämpfen. Vom Retten. Vom Sichtbarseinwollen.
Von meinem tiefen Misstrauen gegenüber Systemen, in denen Menschen willkürlich Türen schließen – ohne zu erklären, warum.

Vielleicht war das Kinderzimmer die erste Institution.
Und meine Mutter – die erste Schulleiterin.


Fortsetzung folgt in Kapitel 2: Die Suche nach Zuwendung – Bilder unter der Küchentür

Hinweis: Die folgenden Kapitel beleuchten prägende Erlebnisse meiner Kindheit – und zeigen zugleich die erschreckenden Parallelen zu meiner beruflichen Erfahrung im Schuldienst seit 2015.

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