Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Ich war gerne Lehrer. Und ich habe lange geschwiegen. Jetzt spreche ich.

Ich war Lehrer mit Leidenschaft.
Von 2004 bis 2015 wurde ich unter vier verschiedenen Schulleitungen stets sehr gut beurteilt.
Meine Lehrproben waren erfolgreich, meine Arbeit geschätzt. Das ist nachweislich dokumentiert. Bereits nach meinen beiden ersten Beurteilungen wurde ich funktionslos befördert – ein Ausdruck klarer fachlicher Anerkennung.

Und: Die Schülerinnen und Schüler wählten mich über Jahre hinweg zu ihrem Verbindungslehrer – ein Vertrauensbeweis, der mir viel bedeutete.

Doch ab 2015 veränderte sich etwas – vor allem auf Führungsebene.
Diese Entwicklung war nicht meine Entscheidung, aber sie traf mich mit voller Wucht.

Schon früh erkannte der örtliche Personalrat, dass die Situation zwischen mir und dem damaligen Schulleiter angespannt war.
Er sprach sich wiederholt für eine Mediation aus – ich war jederzeit dazu bereit.

Auch der Hauptpersonalrat empfahl 2018 ausdrücklich, „über eine Mediation mit einer externen Kraft nachzudenken“ – und stellte zugleich fest, dass mir unverhältnismäßig begegnet wurde.

Im selben Jahr – 2018 – suchte ich erstmals psychotherapeutische Hilfe.
Nach drei belastenden Jahren war ich an einem Punkt, an dem es nicht mehr ohne Unterstützung ging.


Was der HPR damals erkannte – und was daraus wurde

Am 24.10.2018 verfasste ich einen Hilferuf an den Hauptpersonalrat Realschule. Ich war verzweifelt. Ich war belastet. Ich wurde medizinisch wegen Mobbing behandelt.
Ich bat um Unterstützung.

Hier ein Auszug aus meiner Nachricht:

„Selbstverständlich bedeutet ein tagelanges Wartenlassen eine extreme Belastungssituation, und ich habe mich deswegen auch in ärztliche Behandlung begeben. Der Arzt hat in meinem Fall eine extreme Stressbelastung durch Mobbing diagnostiziert. Ich bitte Sie weiterhin, sich mit unserem örtlichen Personalrat in Verbindung zu setzen, um sich über die Gegebenheiten an unserer Schule ein Bild zu machen.“

Die Antwort des HPR kam noch am selben Tag und ist datiert vom 24.10.2018, ist vollständig dokumentiert (Siehe Mail vom 24.10.2018).
Darin heißt es u. a.:

„Ich habe angeregt, doch über das Gespräch mit allen Beteiligten den Versuch zu unternehmen, diese Sache zu bereinigen. (…) Wäre das nicht möglich, wäre auch über eine Mediation mit einer externen Kraft nachzudenken.“

„Ob es sich in Ihrem Fall um eine Situation des Mobbings durch die Schulleitung handelt, kann ich aus der Informationslage heraus nicht abschließend beurteilen, jedoch bestätigte mir Herr [ÖPR], dass in Ihrem Fall unverhältnismäßig vorgegangen wird.“

Das war ein klares Signal – aus dem System selbst.

Und dennoch: Bis heute wurde nie eine externe Mediation umgesetzt.


Scheinbare Unterstützung – und langes Schweigen

Diese Mail klang wie Hilfe. Wie Rückhalt. Wie Haltung.

Doch: Es blieb beim Klang.
Ich habe nie eine echte Intervention erlebt.
Ich war – und bin bis heute – auf mich selbst gestellt.

Bis heute warte ich auf eine tatsächliche Hilfe durch den Hauptpersonalrat – nicht nur auf scheinbare Unterstützung (Siehe Beitrag: „Was macht eigentlich ein Hauptpersonalrat„).

Die Rolle des HPR – von der frühen Klarheit bis zum späteren Schweigen –
ist exemplarisch für das, was dieses System so schwer erträglich macht:
Es erkennt, aber es handelt nicht.


Ich habe versucht, im System zu bleiben – bis es mich krank gemacht hat

2019 begann ich, Missstände zu melden – zunächst innerhalb des Systems, in der Hoffnung, dass man zuhört.
Ich wandte mich – unterstützt durch ver.di – ab 2015 gestaffelt an:

  • den örtlichen Personalrat (ab Februar 2016)
  • den Hauptpersonalrat (ab September 2018)
  • den Ministerialbeauftragten Ltd. RSD Herrn F. (ab 08.01.2019)
  • den Vorgesetzten des Schulleiters Herrn MR D. (ab 11.09.2019 als Mitglied des Personalrats)
  • die Leitung der Realschulabteilung im Ministerium Frau Mdgtin Frau O. (als Personalratsvorsitzender am 20.07.2020)
  • die Amtschefs Püls / Graf (ab 03.12.2020 über die Gewerkschaft ver.di)
  • die Abteilungsleitungen Realschule (fortwährend seit 2020)
  • den neuen MB Ltd. RSD H. (ab 06.12.2021)
  • den an den Vorsitzenden des Verbandes BRLV (ab 20.01.2022)
  • den Staatsminister Prof. Dr. Piazolo (ab 21.02.2022)
  • MdL Schorer-Dremel (am 02.08.2022)
  • unter Hinweis auf die EU-Hinweisgeberrichtlinie an MB H. (ab 18.08.2022)
  • unter Hinweis auf die EU-Hinweisgeberschutzrichtlinie an Amtschef Graf (ab 08.09.2022)
  • an Hubert Aiwanger (ab 22.09.2022)
  • erneut an Piazolo unter Bezugnahme der Hinweisgeberschutzrichtlinie (27.12.2022)
  • an die interne Meldestelle nach HinSchG (ab 06.07.2023)
  • an die externe Bundesmeldestelle nach HinSchG (08.08.2023, 15.10.2024)
  • an MdL Gottstein (28.08.2023)
  • an Staatsministerin Stolz (ab 15.03.2024)
  • an Ministerpräsident Söder & Finanzminister Füracker (19.07.2024)
  • an die Staatskanzlei (28.09.2024)
  • an das Justiz- & Innenministerium Bayern (02.10.2024)
  • und zuletzt an den Bürgerbeauftragten des Freistaats Bayern (ab 11.04.2025)

Ich habe alles versucht, um innerhalb des Systems eine Lösung zu finden.
Was ich nicht gefunden habe: Gehör. Entlastung. Fürsorge.


Was blieb, war Krankheit

2021 wurde ich ernsthaft krank.
Ich entwickelte eine depressive Erkrankung – zunächst als Anpassungsstörung.
Doch die Symptome verschärften sich zunehmend.

Drei Klinikaufenthalte folgten – immer wieder ausgelöst durch schulische Belastung.

Was als Reaktion auf äußere Umstände begann,
ist inzwischen eine diagnostizierte schwere Depression.

Ich habe immer wieder Fürsorge eingefordert.
Sie wurde mir nicht gewährt.


Ich habe nicht überreagiert – ich habe zu lange geschwiegen

Ich habe diesen Beruf mit ganzer Kraft und tiefem Engagement ausgeübt.
Ich war loyal – auch, als es längst schwierig war.
Ich habe versucht, von innen heraus zu wirken – nicht gegen das System.

Mehr als drei Jahre lang (2015–2018) meldete ich nichts, obwohl ich Missstände sah.
Ich wartete. Hoffte. Trug mit.

Erst ab Januar 2019 begann ich zu melden – sachlich, dokumentiert, rechtlich abgesichert.
Und das tue ich bis heute – seit über sechs Jahren.
Und seit 31 Tagen: öffentlich.

Ich bin gesund in diesen Beruf eingestiegen.
Von 2004 bis 2018 war ich kein einziges Mal psychisch krank.

Was ich über Jahre erlebt habe,
hat mich in eine schwere Depression geführt.


Ich spreche jetzt – aus Verantwortung

Nicht aus Wut.
Nicht aus Inszenierung.
Sondern aus Verantwortung – mir selbst gegenüber,
und all jenen, die Ähnliches erleben.

Alles, was ich veröffentliche, ist sachlich, belegt und durch das Hinweisgeberschutzgesetz gedeckt.

Dass ich mich öffentlich äußern muss, ist traurig.
Dass ich es muss, ist beschämend – für ein System, das sich Fürsorge auf die Fahnen schreibt.

Aber:

Ich kann nicht mehr schweigen. Denn ich brauche Heilung.
Denn ich brauche Heilung.