Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Kapitel 3.3: System Mutter – Als das brave Kind laut wurde

Ich war ein gutes Kind.
Brav.
Rücksichtsvoll.
Angepasst.

Ich wusste, was man von mir erwartete.
Ich erfüllte es – und oft sogar mehr.
Nicht aus Zwang.
Sondern aus einem tiefen inneren Wunsch nach Frieden. Nach Nähe. Nach Sicherheit.

Aber irgendwann merkte ich:
Etwas stimmt nicht.
Nicht mit mir –
mit dem, was um mich herum geschah.

Es war nicht greifbar.
Nur spürbar.
Diese Kälte.
Diese Härte.
Diese stummen Regeln, die über allem lagen.

Ich spürte sie wie andere die Temperatur im Raum.
Und irgendwann konnte ich nicht mehr schweigen.

Ich fing an, Dinge zu sagen, die man nicht sagen sollte.
Fragen zu stellen, die man nicht stellen durfte.
Widerspruch zu äußern, wo Schweigen verlangt war.

Nicht, weil ich rebellisch war –
sondern weil das Schweigen mich krank machte.
Weil mein Körper rebellierte, wenn meine Seele keine Worte fand.

Ich wollte nur, dass jemand sieht, was ich sehe.
Dass jemand fühlt, was ich fühle.

Aber je mehr ich sagte, desto mehr wurde ich zum Problem.
Nicht das System war falsch – ich war zu empfindlich.
Nicht die Regeln waren hart – ich war zu schwierig.
Nicht die Kälte war das Problem – ich war zu laut.

Und so begann der Bruch.

Ich war nicht mehr das brave Kind.
Ich war der Störfaktor.
Der, der zu viel fühlt.
Der, der zu viel denkt.
Der, der zu viel sagt.

Aber heute weiß ich:
Ich war nicht zu viel.
Ich war genau richtig –
in einem System, das gelernt hatte, sich taub zu stellen.

Ich war das Kind, das nicht mehr schweigen konnte.
Weil Schweigen bedeutet hätte, sich selbst zu verraten.

Amtsärztin

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