„Ich sage nur Fakten“ – Wenn Sprache zur Waffe wird

Gaslighting ist ein Begriff, der aus der Psychologie stammt – und leider auch in Selbsthilfegruppen seinen Platz findet. Ursprünglich bezeichnet er eine Form psychischer Manipulation, bei der jemand gezielt an der Wahrnehmung seines Gegenübers rüttelt, bis dieser an sich selbst zweifelt.
In helfenden Kontexten tritt Gaslighting nicht laut auf – sondern oft getarnt als scheinbare Objektivität.
Die typischen Sätze klingen so:
„Ich sage nur, was stimmt.“
„Wenn du dich verletzt fühlst, ist das dein Problem.“
„Du musst schon mit Kritik umgehen können.“
Was wie ein klarer Standpunkt wirkt, ist oft eine verdeckte Form der Abwertung durch Selbstüberhöhung.
Denn der Subtext lautet:
„Ich bin die Vernunft – du bist das Problem.“
Was dabei passiert:
- Die Verantwortung wird verschoben.
Wer sich verletzt fühlt, gilt plötzlich als zu empfindlich – nicht derjenige, der verletzt hat. - Wahrnehmung wird entwertet.
Dein Gefühl zählt nicht – nur die „Fakten“. Aber wer bestimmt, was ein Fakt ist? - Selbstzweifel entstehen.
Du beginnst dich zu fragen, ob du wirklich „übertreibst“. Ob du „zu emotional“ bist. Ob du wirklich fehl am Platz bist.
Gaslighting tarnt sich als Klarheit
Gerade in Gruppen, die auf Heilung ausgerichtet sind, wird Gaslighting gern mit dem Etikett „offenes Feedback“ versehen.
Doch echte Offenheit achtet auf Beziehung.
Sie spiegelt – sie urteilt nicht.
Sie lädt ein – sie entzieht nicht.
Der Satz
„Wenn du dich verletzt fühlst, liegt das an dir.“
mag stimmen –
aber nur in einem Raum, der auch mitfühlt.
Mein persönlicher Moment
In meinem Fall lautete der Einstieg:
„Wenn ein Mensch noch keine Depression hat, muss er nur deine Posts lesen – dann ist er depressiv.“
Klingt witzig?
War aber kein Scherz.
Es war eine bewusste Entwertung, verkleidet als Ironie.
Ich habe nicht beleidigt reagiert – aber ich habe es erkannt.
Die eigentliche Gefahr
Gaslighting bringt dich nicht zum Schweigen durch Lautstärke – sondern durch Zweifel.
Es legt dir keine Kette an – es lässt dich selbst an deinem Dasein rütteln.
„Bin ich zu empfindlich?“
„Vielleicht haben sie ja recht?“
„Wieso reagiert sonst niemand?“
Und genau deshalb braucht es Worte wie diese –
damit du dich wieder erinnerst:
Dein Gefühl ist real.
Deine Grenze ist gültig.
Deine Wahrnehmung zählt.Falls Du mehr zu diesem Thema lesen willst – klicke die links unten!