Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Wenn aus Opportunismus systematische Unwahrheiten werden

Nicht jede Lüge in der Verwaltung beginnt mit böser Absicht. Oft ist es Opportunismus, der den ersten Stein ins Rollen bringt: ein kleines Verbiegen der Wahrheit, um Ärger zu vermeiden, eine harmlose Verschleierung, um ein gutes Bild abzugeben, eine diplomatische Formulierung, um keinen Konflikt auszulösen. Doch genau hier liegt die Gefahr: Was als taktisches Ausweichen beginnt, kann sich zu einem systematischen Unwahrheitssystem entwickeln.

1. Die erste Unwahrheit – aus Bequemlichkeit oder Karriereschutz

Ein Sachverhalt wird intern geschönt, weil ein Bericht nach oben ansteht. Eine kritische Bemerkung wird gestrichen, weil sie die Führungsebene belasten könnte. Ein Fehler wird nicht dokumentiert, weil „er ja nicht so schlimm war“. In solchen Momenten tritt nicht das Recht, sondern die persönliche Absicherung in den Vordergrund. Es ist keine klassische Lüge – aber auch keine Wahrheit mehr.

2. Der Normalisierungseffekt

Solche „kleinen Unschärfen“ wiederholen sich – zunächst sporadisch, dann regelmäßig. Sie werden nicht geahndet, sondern still akzeptiert. Bald weiß man: Wer sich anpasst, hat Ruhe. Wer zu genau ist, wird zum Problem. Und so werden Unklarheiten, Beschönigungen und Verdrehungen Teil der inneren Verwaltungskultur. Niemand nennt es „Lügen“ – aber jeder weiß, was läuft.

3. Die institutionalisierte Selbsttäuschung

Nach einiger Zeit beginnen Verwaltungseinheiten, ihre eigene Realität zu glauben. Die internen Narrative entfernen sich zunehmend von der Aktenlage und den Erlebnissen Betroffener. Kritik wird abgetan mit: „So war das nicht“, „Sie haben das falsch verstanden“ oder „Das ist ihre persönliche Sichtweise“. Statt Aufklärung folgt Relativierung – und aus Opportunismus wird eine systemgestützte Wahrheitsvermeidung.

4. Die persönliche Entkoppelung vom Gewissen

Wer über Jahre Teil eines solchen Systems ist, entwickelt häufig eine gefährliche innere Haltung: „So funktioniert das eben.“ Was früher als problematisch empfunden wurde, wird nun als „dienstlich geboten“ rationalisiert. Das eigene Gewissen wird an die Systemlogik angepasst. Man lügt nicht mehr bewusst – man funktioniert. Genau hier kippt Verantwortung in Selbstentlastung.

5. Der Preis: Recht, Vertrauen und Menschlichkeit

Wenn Unwahrheit zur Routine wird, verlieren nicht nur einzelne Personen ihre Integrität – auch das System verliert seine Daseinsberechtigung. Verwaltung wird zur Maschinerie, in der nicht mehr Recht und Gerechtigkeit regieren, sondern Beziehungsgeflechte, Angst und Opportunismus. Die Leidtragenden: Bürgerinnen und Bürger, Kolleginnen und Kollegen – und letztlich der Staat selbst.