Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Warum Gesetz vor Ministerialwille stehen muss

In einem demokratischen Rechtsstaat gilt ein einfaches, aber fundamentales Prinzip: Nicht der Wille einer Behörde, eines Ministers oder einer Leitungsebene ist maßgeblich – sondern das Gesetz. Dieses Prinzip ist keine Floskel, sondern der zentralste Schutzmechanismus gegen Machtmissbrauch und Willkür. Und dennoch wird es im Verwaltungsalltag immer wieder unterlaufen – durch Druck, Einflussnahme, „interne Weisungen“ oder politisch motivierte Entscheidungen.

1. Minister sind politisch, Gesetze sind normativ

Ein Minister oder eine Behördenleitung vertritt politische Interessen, setzt Akzente, verfolgt Programme. Das ist legitim – aber es hat Grenzen. Diese Grenzen heißen: Gesetz, Grundrechte, Verwaltungsvorschriften, beamtenrechtliche Pflichten. Wo ministerialer Wille versucht, rechtliche Vorgaben zu beugen, wird das Gleichgewicht zwischen Exekutive und Rechtsordnung gestört. Das Beamtentum dient dem Staat, nicht der jeweiligen politischen Führung.

2. Gesetze gelten unabhängig von Weisungsstrukturen

Beamte sind zur Neutralität und Gesetzestreue verpflichtet – auch und gerade gegenüber ihren Vorgesetzten. Wenn ministerielle Weisungen rechtswidrig sind oder auf politischem Druck basieren, dürfen sie nicht befolgt, sondern müssen remonstriert werden. Das Beamtenstatusgesetz (§ 36 BeamtStG) gibt hier klare Vorgaben. Wer sich dennoch dem politischen Willen unterordnet, verrät seine Dienstpflicht – und den Rechtsstaat.

3. Verwaltung muss Recht vollziehen, nicht Politik machen

Das Wesen des Verwaltungsapparats liegt im Vollzug des Rechts. Er ist nicht dazu da, politische Wünsche durchzusetzen, sondern gesetzliche Vorgaben umzusetzen – sachlich, objektiv, unparteiisch. Wird diese Grenze verwischt, entstehen hybride Strukturen: Verwaltung wird zum Erfüllungsgehilfen, Kritik zur Illoyalität, Recht zur Deutungsmöglichkeit. Das ist nicht mehr Verwaltung im Sinne des Grundgesetzes – das ist Machtpolitik im Behördengewand.

4. Der Bürger darf nicht zum Objekt politischer Willkür werden

Wenn Ministerialentscheidungen wichtiger sind als Gesetze, dann sind Bürgerinnen und Bürger nicht mehr geschützt, sondern ausgeliefert. Dann hängt die Geltung des Rechts vom Verhalten der Mächtigen ab – und genau das soll der moderne Rechtsstaat verhindern. Die Idee des Beamtentums ist gerade, dass es eine neutrale, gesetzlich gebundene Gegenkraft zur wechselnden Politik gibt.

5. Das Vertrauen in den Staat steht auf dem Spiel

Menschen akzeptieren staatliches Handeln, weil sie glauben: „Das hat seine Ordnung.“ Wenn aber erkennbar wird, dass Recht dem Opportunismus geopfert wird, dass Gesetze umgangen oder neu ausgelegt werden, weil es politisch opportun erscheint, verliert der Staat seine Autorität – nicht durch Kritik, sondern durch sein eigenes Verhalten. Nur wer sich selbst ans Recht hält, kann Recht auch durchsetzen.