
Man erwartet von Lehrkräften mehr.
Man erwartet, dass sie Kinder fördern.
Dass sie kreative Arbeiten würdigen.
Dass sie – gerade in schwierigen Situationen – Haltung zeigen.
Rückgrat. Menschlichkeit.
Vor allem, wenn es um ein Kind geht,
das sich Mühe gegeben hat.
Das etwas ausdrücken wollte.
Das auf seine Weise die Welt beschrieben hat.
Doch das, was meine Tochter mit ihrem Gedicht erlebt hat,
war das Gegenteil von Pädagogik.
Der Deutschlehrer – ein enger Mitarbeiter des Schulleiters –
hat ihr Gedicht nicht benotet.
Er hat es stattdessen, wie wir später erfuhren,
umgehend dem Schulleiter vorgelegt.
Nicht zum Austausch.
Nicht zur Reflexion.
Sondern:
Zur Weitergabe.
Ohne Rücksprache.
Ohne Schutz.
Ohne Haltung.
Unsere Tochter war verletzt.
Sie hatte sich große Mühe gegeben –
und bekam nicht einmal eine Bewertung.
Ich war zu der Zeit selbst in einer Klinik.
Romina rief mich an – traurig, verunsichert, fassungslos.
Ich kontaktierte den Lehrer.
Seine Reaktion:
„Das Gedicht ist zu düster. Ich gebe lieber eine andere mündliche Note.“
Aber das Gedicht selbst wollte er nicht benoten.
Bis heute habe ich das nicht verstanden.
Was ich aber weiß:
Dieser Lehrer ist früher mit ins Skilager gefahren.
Wir haben gemeinsam Fußball gespielt.
Er war ein naher Kollege.
Einer, mit dem man reden konnte.
Einer, dem ich vertraut habe.
Und jetzt?
Schweigen.
Rückzug.
Abblocken.
In diesem Moment war er kein Pädagoge mehr.
Er war ein Mitläufer.
Später wollten wir – Romina, ihre Mutter und ich – mit ihm sprechen.
Ein ganz normales Elterngespräch.
Etwas, das in einer Schule selbstverständlich sein sollte.
Doch auch das wurde verweigert.
Er ließ sich verleugnen.
Er sagte, er sehe keinen Anlass für ein Gespräch mit uns Eltern.
Wenn überhaupt, dann wolle er nur mit Romina und ihrer Mutter sprechen –
aber nicht mit mir.
Begründung? Keine.
Verständnis? Auch nicht.
Und das ist es, was diesen Fall so bitter macht:
Nicht nur die Anzeige durch den Schulleiter.
Sondern auch das Wegducken.
Das Schweigen.
Die Verweigerung von Nähe, Mitgefühl, Verantwortung.
Durch jemanden, dem Romina vertraut hatte.
Der sie begleiten sollte.
Der sie bewerten sollte.
Das Gedicht war mutig. Der Lehrer war es nicht.
Hier weiterlesen: Kapitel 7 : Ein Gedicht. Eine Stimme. Ein Skandal.
Wie die Geschichte anfing: Teil 1: Post vom Staatsanwalt – und meine Tochter steht plötzlich im Fokus
Was das Gedicht mit meiner Geschichte als Lehrer zu tun hat: Stresstest für den Freistaat Bayern – Folge 1:
Warum spricht niemand mit mir?: Nicht über mich – mit mir