
Es war eigentlich nur eine Schulaufgabe.
Deutschunterricht, 8. Klasse, Anfang des Jahres. Thema: Lyrik.
Die Klasse sollte Goethes Gedicht Prometheus umdichten –
eine kreative Auseinandersetzung, ganz im Sinne moderner Pädagogik:
Verstehen durch eigenes Gestalten.
Romina war motiviert.
Sie mag Sprache – eigentlich…
Und sie hat in den letzten Jahren viel erlebt.
Sie ist reflektiert – vielleicht mehr als andere in ihrem Alter.
Also schrieb sie ein Gedicht.
Direkt. Klar. Kraftvoll.
Sie nahm Goethes rebellische Haltung ernst –
und machte sie zu ihrer eigenen Stimme – denn das war auch die Aufgabe.
Was sie sagte, war kein Angriff.
Es war eine Haltung.
Ein Nachdenken über Autorität, über Ungerechtigkeit,
vielleicht auch über Machtspiele, die sie erlebt hat –
in der Schule, in der Welt.
Aber sie nannte keine Namen.
Es war ein literarischer Text.
Ein Gedicht.
Und dennoch:
Es reichte aus, um etwas auszulösen.
Der Schulleiter fühlte sich angesprochen – und ging zur Polizei.
Ich frage mich seitdem:
Was genau in diesem Text hat ihn so getroffen?
War es ein bestimmtes Wort?
Ein Tonfall?
Eine Wahrheit, die wehtut?
Man muss wissen: Prometheus ist kein Kuscheltier-Gedicht.
Es ist ein Aufbegehren gegen Willkür, gegen kalte Macht.
Goethe schreibt darin:
„Ich dich ehren? Wofür?“
Romina hat diesen Geist aufgenommen – und weitergedacht.
Dass daraus eine Strafanzeige wurde, ist ein Skandal.
Und doch ist genau das passiert.
Nicht etwa ein Gespräch mit dem Mädchen.
Keine pädagogische Reflexion.
Sondern: Anzeige. Staatsanwaltschaft. Aktenzeichen.
Wollen wir das unseren Kindern beibringen?
Dass sie bei kreativen Aufgaben besser den Kopf einziehen?
Dass ihre Worte gefährlich werden können – wenn sie zu treffend sind?
Ich sage: Nein.
Wir brauchen eine Schule,
die den Mut junger Menschen nicht bricht, sondern schützt.
Die zuhört, bevor sie urteilt.
Die Fragen stellt, bevor sie Akten anlegt.
Denn wenn ein Gedicht reicht,
um ein Ermittlungsverfahren auszulösen –
dann haben wir ein sehr viel größeres Problem
als ein rebellisches Schulmädchen.
Rominas Gedicht wird morgen hier im Blog veröffentlicht.
Und ich verspreche:
Es ist harmlos – und gleichzeitig mutig.
Klar, ehrlich, kraftvoll.
So, wie Kinder eben manchmal sind, wenn man sie lässt.
Und genau deshalb muss es gelesen werden.
Lies hier weiter: Teil 3: Das Gedicht – „Der kleine Mann“
Schulleiterwechsel ein Jahr später – lies hier: Prolog Teil 1: Nicht gegen Menschen – gegen ein krankmachendes System
Die berühmte Anlage K8: K8 und K9 – Wie ein Ministerium schwärzt, was schützt – und entblößt, was verletzt