
Man kann das alles diskutieren, analysieren, abwägen –
als Vater, als Lehrer, als Bürger.
Aber irgendwann muss man auf das schauen,
was es mit einem Kind macht.
Mit meiner Tochter.
Romina war 13 Jahre alt.
Kreativ. Nachdenklich. Sensibel.
Und voller Energie, wenn sie etwas sagen durfte.
Das Gedicht, das sie schrieb,
war keine Attacke.
Es war Ausdruck.
Es war Mut.
Ein Versuch, sich in einer Welt zurechtzufinden,
die sie nicht immer versteht –
die sie manchmal überfordert,
wie uns alle.
Doch danach war nichts mehr wie vorher.
Der Schulbesuch wurde zur Qual.
Romina bekam Angst.
Hatte Panik.
Traute sich nicht mehr, etwas vorzutragen.
Zog sich zurück.
Weinte oft.
Fragte mich, was sie falsch gemacht habe.
Sie baute psychisch ab.
Und die Schule?
Blieb stumm.
Drei Monate später schrieb ihre Mutter eine Mail an alle Lehrkräfte (hier die Mail: Nachricht_18.12.2023_geschwärzt)
Wir wollten, dass das Kollegium versteht,
was passiert war.
Was das mit einem Kind macht.
Dass sie begreifen,
dass hier etwas völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Wie es Romina psychisch gerade geht.
Doch anstatt einer Aufarbeitung
passierte etwas noch Unfassbareres:
Genau an dem Tag,
als die Diskussion um Rominas Gedicht öffentlich wurde,
leitete der Deutschlehrer –
der das Gedicht zuvor an den Schulleiter weitergeleitet hatte –
eine Wendung ein, die plötzlich den Fokus komplett verschob.
Es entstand der fatale Eindruck, ich hätte ihn der sexuellen Belästigung bezichtigt – was nie geschehen ist.
Mehrere Kolleginnen und Kollegen kontaktieren mich an diesem Tag verwirrt:
„Hast du ihn wirklich angezeigt?“
Der Personalrat bat mich um ein Gespräch dazu.
Die Antwort ist klar: Nein.
Diese Geschichte war frei erfunden..
Aber sie hatte ein Ziel:
Den Fokus von sich weg,
weg von Rominas Leid –
hin zu eigenem Schmerz.
Und zur gezielten Zerstörung meines Rufs.
Mit perfider Logik wurde damit das gesamte Geschehen verschoben.
Vom Kind – weg.
Zur Verteidigungsposition des Erwachsenen.
Die Konferenz,
die hätte aufarbeiten können,
was Romina erlebt hatte –
wurde zur Farce.
Und Romina?
Sie wird am Freitag diese Schule verlassen.
Ohne je ein Gespräch mit dem Lehrer geführt zu haben.
Kein pädagogisches Wort.
Kein Versuch, zu erklären, zu heilen, zu begleiten.
Nichts.
Und sie weiß:
Er war beteiligt.
Und er weiß:
Er hat nie mit ihr gesprochen.
Wie fühlt man sich als Kind,
wenn die Erwachsenen, die dich schützen sollten, dich verraten?
Wie fühlt man sich als Vater,
wenn man zusehen muss,
wie die eigene Tochter von einem System beschädigt wird,
das sie eigentlich stärken sollte?
Rominas Stimme wurde erstickt.
Nicht durch das Gedicht.
Sondern durch das, was danach kam.
Und das ist das eigentliche Problem.
Hier weiterlesen: Teil 11: Schule als sicherer Ort? – Wenn Kinder sich fürchten müssen
Das Gedicht: Teil 3: Das Gedicht – „Der kleine Mann“