Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Teil 1: Post vom Staatsanwalt – und meine Tochter steht plötzlich im Fokus

31. August 2023.
Ein ganz normaler Donnerstag. Romina ist bei mir. Ich bin alleinerziehender Vater – und gerade inmitten all der Unruhe, die mich umgibt, ist die Zeit mit meiner Tochter kostbar. Der Dienstherr betreibt weiterhin meine Versetzung an die Realschule Kösching – trotz der ablehnenden Stellungnahme des örtlichen Personalrats.

Dann öffne ich diesen Brief (siehe hier: Einstellung_Verfahren_geschwärzt).
Absender: Staatsanwaltschaft Ingolstadt.

Zuerst denke ich: Ein Irrtum? Eine Verwechslung?

Doch dann bleibt mein Blick an einem Satz hängen:

„Das Ermittlungsverfahren gegen Ihre Tochter wird gemäß § 170 Abs. 2 StPO eingestellt.“

Ich lese den Satz zweimal. Dreimal.
Mein Herz rutscht mir in die Hose.

Romina steht hinter mir.
Ich drehe mich um, halte das Schreiben in der Hand.
„Romina… was ist das hier?“

Sie schaut mich fragend an. Komplett ahnungslos.
Sie weiß nichts.
Und ich verstehe es auch erst in diesem Moment.


Ich hatte in einer früheren Stellungnahme der Konrektorin schon einmal das Wort „Anzeige“ gelesen –
aber ich hatte es nicht ernst genommen.
Nicht glauben wollen.
Nicht verstanden, dass es um meine Tochter ging.

Jetzt steht es schwarz auf weiß vor mir.
Ein Ermittlungsverfahren. Gegen Romina.

Ich merke, wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird.
Ein 13-jähriges Mädchen. Ein Kind.

Wir setzen uns. Ich versuche, meine Stimme ruhig zu halten.
Romina ist verwundert, aber noch nicht erschüttert – sie versteht noch nicht, was das bedeutet.

„Papa, was ist das für ein Brief?“ fragt sie leise.

Ich versuche zu erklären.
Stück für Stück.

Und dann, langsam, begreift auch sie:
Dass da jemand zur Polizei gegangen ist.
Wegen ihr.
Wegen einem Gedicht, das sie im Deutschunterricht geschrieben und vorgetragen hat.

Ein Gedicht. Mehr nicht.


Die Aufgabe war klar: Goethes Prometheus umdichten.
Ein Klassiker, voller Aufbegehren.
Die Schüler*innen sollten ihren eigenen Ausdruck finden.
Romina hat das ernst genommen.
Hat sich Mühe gegeben.
Hat etwas geschrieben, das aus ihr kam.

Und genau dieses Gedicht hat den Schulleiter offenbar so getroffen,
dass er zur Staatsanwaltschaft ging.


Kein Gespräch. Kein Hinweis. Keine Klärung.

Nur ein Ermittlungsverfahren.

Ich sitze da und frage mich:

Was ist das für ein System?

Eines, das Kinder zur Kreativität ermutigt –
aber beim ersten unbequemen Wort zum juristischen Gegenangriff übergeht?

Und dann die eigentliche Frage:
Was muss in einem Gedicht stehen, damit ein Erwachsener sich so sehr provoziert fühlt, dass er zur Polizei geht?

Rominas Gedicht wird in einem späteren Beitrag hier im Blog veröffentlicht.
Und ich verspreche: Es ist vollkommen harmlos.

Es ist ehrlich.
Es ist klar.
Es ist die Stimme eines jungen Mädchens, das sich Gedanken gemacht hat über Macht, Verantwortung und Ungerechtigkeit.

Der einzige Grund, sich von diesem Gedicht bedroht zu fühlen, wäre wohl:
Wenn man sich tatsächlich so verhält, wie es beschrieben ist.


Deshalb erzähle ich diese Geschichte.
Nicht aus Rache.
Sondern, weil sie gehört werden muss.
Denn was Romina passiert ist, darf nicht passieren –
und niemals verschwiegen werden.

Hinweis: Am 11. April 2025 wurde Staatsministerin Anna Stolz über diesen Beitrag und die gesamte Blogreihe in vollem Umfang informiert. Die Verantwortung für eine angemessene Reaktion liegt seitdem beim Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus (siehe hier: Mail_11.04.2025_Ministerin). Eine Reaktion blieb aus

Lies hier weiter: Teil 2: Ein Deutschaufsatz, der zur Anzeige führte

Hat der Schulleitertausch 2024/25 damit zu tun? Lies hier: Prolog Teil 1: Nicht gegen Menschen – gegen ein krankmachendes System

Unbedingt auch das lesen: K8 und K9 – Wie ein Ministerium schwärzt, was schützt – und entblößt, was verletzt