Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Mit einer aufblasbaren Gitarre zur Eins – meine zweite Lehrprobe in Musik

Es war meine zweite Lehrprobe im Referendariat – diesmal im Fach Musik.
Das Thema: Das Instrumentarium der Rockmusik.

Für mich als klassisch ausgebildeten Pianisten war das erstmal eine kleine Herausforderung.
Gitarre? Ein bisschen.
Bass? Noch in Arbeit.
Schlagzeug? Eher beobachtet als gespielt.

Aber ich wollte den Schüler*innen etwas zeigen.
Etwas ermöglichen.
Eine echte Begegnung mit Klang, Stilistik, Sound und Atmosphäre der Rockmusik.

Die Stunde war gut vorbereitet, strukturiert, durchdacht.
Der Einstieg: „Hells Bells“ von AC/DC.
Die berühmten Glockenschläge, das ikonische Gitarrenriff –
eine Klangwelt, die sofort Aufmerksamkeit erzeugte.

Die Klasse war da – hellwach, interessiert, neugierig.

Ich hatte das komplette Instrumentarium bereitgestellt:
🎸 E-Gitarre
🎸 E-Bass
🥁 Schlagzeug
🎹 Keyboard

Alles sorgfältig aufgebaut, damit der Sound und das Setting einer typischen Rockband nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar wurde.

Doch dann: ein kleines Problem.
Die E-Gitarre – eigentlich vorhanden – war nicht dort, wo sie sein sollte.
Verlegt? In einen anderen Raum getragen? In der Aufregung des Aufbaus untergegangen?

Ich stand da, bereit zum Einstieg – aber ohne zentrales Instrument.

Was tun?

Ich griff spontan zur aufblasbaren Gitarre, die ich eigentlich nur als Gag eingepackt hatte.
Ich blies sie auf – und stellte mich damit vor die Klasse.
Nicht, um Musik zu machen, sondern als spielerischen Auftakt, als charmante Überleitung.

Die Schüler*innen?
Sie lachten – aber verstanden sofort:
Jetzt geht’s los.

Und genau das passierte dann auch.
Wir sprachen über typische Rockbesetzungen, über Bandstrukturen, Klangfarben, Wirkung.
Ich spielte u. a. die Basslinie von „Smoke on the Water“, die ich mir gezielt erarbeitet hatte.
Ich zeigte eine Effektmaschine, die ich extra ausgeliehen hatte –
um live zu demonstrieren, wie Verzerrung, Chorus oder Hall einen Sound verändern können.

Die Stunde war ein Wechselspiel aus Klangbeispielen, Gespräch, Spiel und Praxis.
Eine echte Auseinandersetzung mit Musik – lebendig, konkret, nahbar.

Am Ende musizierten wir gemeinsam:
Ein einfaches Stück mit klaren Patterns, echten Instrumenten, Gesang, Groove.
Es war kein Konzert – aber ein Moment echter musikalischer Begegnung.

Energie im Raum. Musik in der Luft. Lächeln auf den Gesichtern.

Und das Beste?
Die Stunde wurde mit der Note 1 – „mit Auszeichnung“ – bewertet.

Eine Lehrprobe, die ich nie vergessen werde.
Nicht, weil sie perfekt war.
Sondern, weil sie echt war.
Weil sie gezeigt hat,
dass man auch mit einer aufblasbaren Gitarre Wirkung entfalten kann –
wenn man mit Herz, Klarheit und Begeisterung unterrichtet.

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