Strukturwandel durch Aufklärung, Teilhabe und Gesetzestreue
1. Ausgangslage
Viele Schulen nennen sich „mobbingfrei“. Doch was ist eine solche Aussage wert, wenn gerade Lehrkräfte in ihrem eigenen System unter Druck, Kontrolle oder Schweigen leiden?
Emotional geprägte Hierarchien – oft in Form autoritärer oder konfliktscheuer Schulleitungen – schaffen ein Klima, in dem nicht Dialog, sondern Macht zählt. Lehrkräfte, die Missstände benennen, werden als unbequem erlebt – und geraten schnell ins Abseits.
Wer selbst dauerhaft Angst spürt, wird kaum andere wirksam schützen können. Deshalb wirkt strukturelles Mobbing gegen Lehrerinnen **immer auch auf das Schulklima – und letztlich auf die Schülerinnen**.
Ein Beispiel dafür ist das Remonstrationsrecht. Ein elementares Beamtenrecht – doch an Schulen fast unbekannt. Wird es unterrichtet? Kaum. Wird es im Kollegium diskutiert? Fast nie. Gerade weil es so wirkungsvoll sein könnte.
2. Ziele
Diese Vision will Schule neu denken – vom Schutz der Lehrkräfte her. Denn nur selbstbewusste Lehrer*innen, die ihre Rechte kennen, können ihre Rolle mit Kraft und Klarheit ausfüllen.
Was das für Schüler bedeutet? Mehr Haltung. Mehr Mut. Mehr Schutz. Denn Lehrkräfte, die sich nicht ducken müssen, sind auch eher bereit, ihre Stimme für andere zu erheben.
Ziele im Überblick:
- Stärkung rechtlicher Bildung im Schulalltag (z. B. durch Remonstrationsschulungen)
- Gründung eines unabhängigen Referats für Schulversehrte
- Einbindung von Betroffenen („Versehrten“) als aktive Gestalter
- Förderung einer Kultur der Aufarbeitung statt Vertuschung
3. Strukturvorschlag: „Versehrte gegen Mobbing“
Ein bislang kaum genutzter Ansatz: Die Reaktivierung ehemals dienstunfähiger Lehrkräfte – nicht am Ort ihrer Verletzung, sondern in einer strukturverändernden, sinnstiftenden Rolle.
Viele Lehrkräfte, die als dienstunfähig gelten, wollen arbeiten – aber nicht mehr unter Bedingungen, die krank gemacht haben. In amtsärztlichen Untersuchungen wird oft nicht ausreichend zwischen gesundheitlicher Eignung und struktureller Zumutbarkeit unterschieden. Dadurch wird ein Mensch „aussortiert“, obwohl er durchaus arbeitsfähig – aber nicht beliebig einsetzbar ist.
Genau hier setzt die Vision „Versehrte gegen Mobbing“ an:
- Lehrkräfte, die durch Mobbing oder strukturelle Gewalt in die Dienstunfähigkeit geraten sind, werden nicht stillschweigend ausgegliedert, sondern als erfahrene Kräfte bewusst eingebunden.
- Ihre Aufgabe: Schulen analysieren, Kollegien aufklären, Führungskräfte schulen – und damit systemisch etwas bewegen.
Dabei wird nicht nur Retraumatisierung vermieden – es geschieht etwas Grundlegenderes:
- Selbstwirksamkeit wird zurückgewonnen.
- Erfahrung wird Ressource.
- Das System lernt von seinen eigenen Wunden.
Diese Perspektive bietet Lehrkräften eine neue, geschützte Form des Wiedereinstiegs.
Sie bringt wertvolles Erfahrungswissen zurück ins System – und verhindert, dass Fachkräfte endgültig verloren gehen.
4. Rechtlicher Rahmen
Diese Vision ist rechtlich fundiert und praktikabel:
- BayBG Art. 7 – Fürsorgepflicht
- Grundgesetz Art. 2 & 20 – Recht auf Unversehrtheit & Rechtsstaatlichkeit
- SGB IX – Pflicht zur Durchführung eines BEM
- BayPVG – Initiativrecht des Hauptpersonalrats (hier geht es zur Dienstvereinbarung)
- Hinweisgeberschutzgesetz – Schutz für Meldende
5. Modellprojekt
Ein möglicher Einstieg: ein Schulversuch oder Modellprojekt – oder ein Referat für „Versehrte gegen Mobbing“
Pilotphase:
- 3–5 Schulen mit auffälliger Fluktuation oder Mobbing-Vorgeschichte
- Mitarbeit „Versehrter“ als Strukturberater*innen
- Evaluation durch unabhängige Forschung
Ziel: Aufarbeitung ermöglichen – und echte Prävention etablieren. Kein Etikett mehr – sondern ein echter Kulturwandel.
Fazit
„Versehrte gegen Mobbing“ ist mehr als ein Rehabilitationsprojekt. Es ist ein Aufbruch:
- Weg von Angst, hin zu Haltung
- Weg von Machtspielen, hin zu rechtsstaatlicher Kultur
Wenn Lehrer*innen wissen, dass sie Rechte haben – und sie einsetzen dürfen, entsteht etwas sehr Wertvolles:
Eine Schule, die ihre Menschen schützt. Alle – nicht nur die Lauten.