Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Zwischenkapitel 5: Psychologisierung ohne Grundlage

„Du hast verstandesmäßige Defizite“ – Wenn Laien zu Diagnostikern werden

In einem Moment teilst du etwas Persönliches.
Im nächsten liest du:

„Bei dir ist mehr zu behandeln als eine Depression.“
„Du hast verstandesmäßige Defizite.“
„Du bist toxisch.“

Was hier passiert, ist keine Rückmeldung.
Es ist eine Laien-Diagnose – ungefragt, entmenschlichend, übergriffig.


Psychologisierung ist nicht gleich Verständnis

Es klingt fachlich.
Es wirkt abgeklärt.
Aber in Wahrheit ist es oft ein Versuch, sich selbst vor emotionaler Überforderung zu schützen.

Denn wer den anderen mit Etiketten belegt,
muss sich nicht mehr mit ihm auseinandersetzen.


Was solche Sätze anrichten

Diese Art der Sprache erzeugt eine gefährliche Dynamik:

  • Sie entzieht dir das Recht auf Erklärung.
  • Sie stellt dich als gestört hin, nicht als Mensch mit Geschichte.
  • Sie verschiebt das Gespräch von Beziehung zu Diagnose.

Plötzlich ist nicht mehr deine Erfahrung relevant,
sondern das Etikett, das dir jemand aufklebt.


Mein eigener Moment

In der Kommentarreihe las ich, ich hätte „verstandesmäßige Defizite“.
Ich fragte mich nicht: Stimmt das?
Ich fragte mich:
Was bringt einen Menschen dazu, so etwas zu schreiben?

Die Antwort:

Es geht nicht um mich.
Es geht um ihre Angst, ihre Grenzen, ihr Unvermögen, Ambivalenz auszuhalten.


Die Wahrheit ist:

Psychologische Begriffe verleihen Macht.
Und genau deshalb sollten sie nur da verwendet werden,
wo Beziehung, Fachlichkeit und Verantwortung vorhanden sind.

Denn:

Wer andere „toxisch“ nennt,
schützt sich selbst – aber zerstört den Dialog.


Und was hilft?

  • Frag dich: Will dieser Mensch wirklich verstehen – oder nur sortieren?
  • Und erinnere dich: Eine Diagnose darf nie das Menschliche ersetzen.

Denn du bist mehr als eine Beschreibung.
Und wer dich auf ein Wort reduziert, hat sich selbst längst verloren.