Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Kapitel 3.5 – System Mutter – Warum mein Nein wichtig war

Ich weiß heute:
Mein Nein war ein Risiko.
Aber es war notwendig.
Überlebensnotwendig.

Denn in einem System, das keinen Raum lässt für ein echtes Ich,
ist jedes Nein ein Akt der Selbstbehauptung.
Und jedes Ja, das nicht von innen kommt,
ein Verrat an der eigenen Wahrheit.

Ich habe früh gelernt,
dass Nein sagen gefährlich ist.
Dass es Liebesentzug bedeuten kann.
Einsamkeit. Abwertung.
Dass ein Nein eine Strafe nach sich zieht –
und nie Verständnis.

Aber ich habe es trotzdem getan.
Immer wieder.
Zaghaft.
Wütend.
Verzweifelt.

Ich habe es gesagt,
obwohl mein ganzer Körper wusste,
was es kosten könnte.

Weil ich spürte:
Wenn ich es nicht tue,
verliere ich mich.

Nicht sofort.
Aber schleichend.
Still.
Unmerklich.
Bis ich nicht mehr weiß,
wo mein Gefühl aufhört
und das der anderen beginnt.

Ein Kind, das immer Ja sagt,
weil es Angst hat,
lernt nicht Zustimmung –
sondern Anpassung.
Und irgendwann spürt es sich selbst nicht mehr.

Mein Nein war kein Trotz.
Es war ein letztes Aufbäumen.
Ein Flackern von Lebendigkeit
in einem Raum,
in dem Gefühle keinen Platz hatten.

Und später, im Beruf,
wenn Vorgesetzte übergriffig wurden,
wenn Regeln missachtet wurden,
wenn Nähe wieder an Bedingungen geknüpft war –
war mein Nein wieder da.

Dieses alte, ungestillte Nein.
Nicht strategisch. Nicht geplant.
Sondern impulsiv. Roh.
Aus der Tiefe.
Aus dem Teil in mir,
der sich nie gehört fühlte.

Und ja – manchmal war es zu laut.
Zu deutlich.
Zu emotional.

Aber es war echt.

Ich weiß heute:
Wenn ein Mensch Ja sagt
und innerlich Nein meint,
dann ist das innere Kind nicht sicher.
Dann spielt es noch immer mit –
im Hintergrund.
Und kämpft.

Ich habe mein Nein oft ausgesprochen,
auch wenn es unbequem war.
Nicht nur für mich –
sondern auch für andere.

Weil ich gespürt habe:
Wer nie Nein sagt,
macht sich mitverantwortlich
für die Wiederholung der alten Geschichten.

Mein Nein war nie gegen Menschen gerichtet.
Sondern gegen Strukturen,
die missbrauchen,
übergehen,
überfordern
und dann das Schweigen zur Pflicht machen.

Mein Nein war eine Form von Liebe.
Für mich.
Und für all die,
die sie nie erfahren haben,
wenn sie nicht funktioniert haben.

Amtsärztin