Es war kein lauter Moment.
Kein Durchbruch. Kein Drama.
Eher ein Zittern. Ein Innehalten. Ein leiser Riss im Schutzpanzer.
Ich saß in der Therapie.
Redete, wie immer.
Über das System, über die Schule, über Gerechtigkeit.
Über all das, was da draußen schiefläuft.
Und dann fragte die Therapeutin nur:
„Wann haben Sie zuletzt an das Kind gedacht, das Sie einmal waren?“
Ich schwieg.
Und plötzlich war da ein Bild.
Kein klares. Eher ein Gefühl.
Ein kleines Ich.
Still. Auf dem Boden sitzend.
Vor einer geschlossenen Tür.
Mit einem Zettel in der Hand.
Und feuchten Augen, die nicht weinen durften.
Ich hatte vergessen, wie traurig ich war.
Wie einsam. Wie haltlos.
Ich hatte es übermalt – mit Stärke, mit Pflichterfüllung, mit Haltung.
Aber das Bild war noch da.
Unter allem.
Das Kind in mir hat nicht vergessen.
Nicht den Blick der Mutter.
Nicht das Schweigen.
Nicht die Momente, in denen es spürte:
Ich bin zu viel. Und gleichzeitig nie genug.
Und jetzt saß ich da – Jahrzehnte später.
Als Erwachsener, der so viel geleistet hatte.
Und spürte:
Da ist noch Schmerz. Und der gehört nicht zum Heute.
Es war der erste echte Blick zurück.
Nicht in Wut. Nicht in Analyse.
Sondern in Trauer.
Und ich begriff:
Ich war nicht schwach.
Ich war verlassen.
Und ich habe versucht, diese Leere mit allem Möglichen zu füllen.
Mit Einsatz.
Mit Erfolg.
Mit Rettung.
Mit Kampf.
Aber das Kind wollte nie kämpfen.
Es wollte gehalten werden.
Ich habe damals niemanden gehabt, der das tat.
Aber heute kann ich anfangen, es selbst zu tun.
Nicht perfekt.
Nicht sofort.
Aber ehrlich.
Ich kann heute sagen:
„Es war nicht deine Schuld.“
„Du hast nichts falsch gemacht.“
„Du bist kein Problem – du bist ein Mensch.“
Und jedes Mal, wenn ich das sage,
weint etwas in mir –
nicht vor Schwäche, sondern vor Erleichterung.