Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Ich sehe dich, Romina – und ich werde nicht schweigen

Liebe Romina,

du weißt nicht, wie oft ich in diesen Monaten sprachlos war.
Wie oft ich dich angeschaut habe und dachte:
Wie hält sie das alles nur aus?

Du warst 13.
Du hast ein Gedicht geschrieben.
Du hast dich geöffnet.
Du hast etwas gewagt.
Du hast dich mit deiner Sprache gezeigt –
mit deinem Denken, deinem Gefühl, deiner Haltung.

Und was bekamst du zurück?

Keine Note.
Keine Rückmeldung.
Keine Anerkennung.

Stattdessen:
Angst.
Panik.
Und am Ende:
einen Brief von der Staatsanwaltschaft.


Und trotzdem bist du weitergegangen.
Du hast den Kopf nicht gesenkt.
Du hast dich nicht aufgegeben.

Du hast gezweifelt, ja –
aber du hast dich durchgekämpft.

Ich habe gesehen,
wie schwer es dir gefallen ist,
nach diesem Vorfall noch ein Referat zu halten.

Wie viel Überwindung es dich gekostet hat,
überhaupt noch etwas zu sagen im Unterricht.

Aber du hast es getan.
Du hast es geschafft.
Du bist mutig geblieben.
Du bist dir treu geblieben.


Ich bin so stolz auf dich.

Weil du nicht hart geworden bist.
Weil du dich nicht verbogen hast.
Weil du – trotz allem – Mitgefühl behalten hast.

Für dich selbst. Für andere.
Und manchmal sogar für die,
die dir Unrecht getan haben.


Aber es tut mir leid.
Von ganzem Herzen.

Es tut mir leid, dass du hineingezogen wurdest in einen Konflikt,
der nicht deiner war.

Es tut mir leid,
dass ein erwachsener Mensch,
der mit mir nicht zurechtkam,
sich an dir – dem schwächsten Glied – abreagiert hat.

Dass du instrumentalisiert wurdest,
weil jemand keinen anderen Weg sah, mit mir umzugehen.

Das ist schmerzhaft.
Und es ist falsch.
Und es ist tief.


Du bist stark, Romina.

Nicht, weil du keine Angst hattest.
Sondern weil du trotz der Angst weitergegangen bist.

Ich verspreche dir:
Ich werde deine Geschichte weiter erzählen.
Nicht, um anzuklagen –
sondern damit du gesehen wirst.

Damit andere Kinder geschützt werden.
Damit Lehrer*innen, Eltern, Verantwortungsträger daraus lernen.

Und damit du weißt:
Du hast alles richtig gemacht.

Ich liebe dich.
Dein Papa

Lies hier weiter: Teil 12: Wenn der Schutzauftrag versagt – Das institutionelle Wegsehen nach dem Gedicht meiner Tochter