Einer der perfidesten Mechanismen innerhalb hierarchischer Verwaltungssysteme ist der sogenannte Deckungseffekt. Er beschreibt das Phänomen, dass Fehler, Rechtsverstöße oder Grenzüberschreitungen von Vorgesetzten nicht nur nicht geahndet, sondern aktiv gedeckt, beschönigt oder verdrängt werden – durch die nächsthöhere Ebene. Die Folgen sind gravierend: Nicht nur wird individuelles Fehlverhalten verfestigt, sondern es entsteht ein strukturelles Klima der Verantwortungsdiffusion.
1. Loyalität statt Kontrolle
Eigentlich sollen Vorgesetzte und übergeordnete Behörden kontrollierend, ordnend und korrektiv eingreifen. Doch in der Praxis entsteht häufig das Gegenteil: Wer eine problematische Entscheidung trifft oder sich unkollegial verhält, wird von der nächsten Instanz nicht etwa zur Rechenschaft gezogen – sondern geschützt. Aus persönlicher Loyalität, aus Angst vor Imageverlust, aus Sorge um den eigenen Karriereweg. So wird „nach oben“ nicht korrigiert, sondern gedeckt.
2. Interessenangleichung auf Leitungsebene
Zwischen den oberen Hierarchieebenen bestehen oft informelle Bündnisse: Man kennt sich, man schützt sich. Kritik wird intern abgefedert, nach außen abgeschirmt. Selbst bei klar dokumentierten Verstößen ist die Reaktion meist: „Das schauen wir uns intern an.“ Disziplinarverfahren oder dienstrechtliche Konsequenzen werden selten eingeleitet – auch weil man dann das eigene Versäumnis eingestehen müsste, frühzeitiger nicht eingegriffen zu haben.
3. Verdrehung der Perspektive: Täter-Opfer-Umkehr
Wenn Beschäftigte Missstände aufzeigen, erleben sie nicht selten, dass nicht der Fehlverursacher hinterfragt wird – sondern derjenige, der das Problem benennt. Kritiker gelten als „schwierig“, „illoyal“ oder „psychisch auffällig“. Die eigentlichen Fehler werden relativiert oder banalisiert, während der Hinweisgeber unter Druck gerät. Das System schützt sich selbst, nicht das Recht.
4. Verschleppung und Intransparenz
Ein häufiger Deckungsmechanismus ist das Aussitzen. Beschwerden werden nicht beantwortet, Verfahren in die Länge gezogen, Zuständigkeiten unklar belassen. Die Strategie: Zeit heilt alle Wunden – oder verschleißt die Betroffenen. So wird rechtliches Unrecht in ein organisatorisches „Nicht-Zuständig-Sein“ umgewandelt – mit dem Ergebnis, dass niemand mehr verantwortlich ist.
5. Folge: Vertrauensverlust in das ganze System
Der Deckungseffekt wirkt wie ein Gift, das langsam durch alle Ebenen sickert. Er signalisiert: „Es bringt nichts, Missstände zu melden. Die da oben halten ohnehin zusammen.“ Das Vertrauen in Objektivität, Gerechtigkeit und Verantwortung geht verloren. Betroffene resignieren – und die nächste Generation schaut schweigend zu.