Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Verantwortung im Schnee

Ich war Referendar.
Und ich hatte einen Traum.

Kein Skilager an der Schule? Dann eben ein Wintersporttag – für alle.
Ein Gemeinschaftserlebnis. Ein Tag voller Schnee, Bewegung, Miteinander.
Eislaufen. Schlittenfahren. Schneeschuhwandern. Snowboarden.
Alles war organisiert. Alles stand bereit.

Was vorher allerdings keiner sah:
die Wochen der Organisation im Hintergrund.

Ich hatte Gruppen eingeteilt – nach Sportart, Niveau, Interessen.
Lehrkräfte zugeordnet – wer begleitet welche Gruppe? Wer hat Erfahrung mit welcher Sportart?
Ich hatte mit der Bahn gesprochen, um die Verbindung für hunderte Schüler*innen abzustimmen – inklusive Rückfahrt.
Ich hatte telefoniert mit dem Skiverleih, mit der Bergbahn, mit der Eislaufbahn.
Alle vor Ort wussten Bescheid. Jeder Platz war reserviert. Jeder Ablauf durchdacht.
Es sollte ein Tag sein, an dem jeder etwas findet – und niemand verloren geht.

Und dann kam der Schnee.
Nicht ein bisschen – sondern immer mehr.
Schon tagsüber wurde es weißer als am Tag zuvor. Und es hörte nicht auf.

Am Nachmittag fuhr ich nochmal in die Schule.
Ich erreichte den Schulleiter – zum Glück.
Ich wollte klären, was wir machen, wenn das Wetter kippt.
Er sagte nur:
„Ach, das wird schon. Das klappt. Das haut hin.“
Das musst du unbedingt schreiben, meinte er noch. Und ich glaubte es.

Ich fuhr nach Hause. Dachte: Okay. Wird schon.
Wird klappen. Muss klappen.

Aber der Schnee hörte nicht auf.

Um 20 Uhr fuhr ich nochmal zur Schule.
Ich wollte auf Nummer sicher gehen.
Versuchte, Telefonnummern von Lehrkräften aufzutreiben.
Ich rief den Schulleiter nochmal an. Diesmal spürten wir beide: Es ist zu viel.

Wir besprachen die Lage. Die Verantwortung. Die Gefahr.
Und entschieden gemeinsam:
Wir müssen absagen.

So gern wir diesen Tag erlebt hätten –
die Sicherheit ging vor.

Und am Morgen danach?
Der gesamte Landkreis stellte den Schulbetrieb ein.
Der Schnee hatte recht behalten.


Ich war enttäuscht – ja. Aber mehr noch: erleichtert.
Denn manchmal ist Verantwortung nicht, dass etwas gelingt.
Sondern dass man die richtige Entscheidung trifft, bevor es zu spät ist.

Ich war jung, im Referendariat, voller Ideen, voller Energie.
Ich wollte etwas bewegen. Einen Tag schaffen, der verbindet.
Und plötzlich trug ich Verantwortung für hunderte Schüler*innen, Lehrkräfte, Busfahrpläne, Bahnverbindungen, Sicherheit.
Kein Plan B, keine Schulung, kein Netz. Nur ich – und der Schnee.

Was ich an diesem Tag gelernt habe?
Nicht, dass es wichtig ist, durchzuziehen –
sondern dass es wichtig ist, rechtzeitig loszulassen.
Nicht aus Schwäche. Sondern aus Klugheit. Aus Fürsorge. Aus Verantwortungsgefühl.

Dieser Tag hat sich eingebrannt.
Nicht wegen der Absage. Sondern wegen allem drumherum:
Der Vorbereitung.
Dem Einsatz.
Dem späten Anruf.
Dem Gefühl, das Richtige getan zu haben – auch wenn es keiner sieht.

Vielleicht war das mein erster echter Lehrer-Moment.
Nicht vor der Klasse, sondern im Hintergrund.
Nicht mit Applaus, sondern mit innerer Klarheit.

Und manchmal denke ich:
Wenn ich heute auf Systeme schaue, die sich nicht entscheiden wollen –
dann erinnere ich mich an den Abend, an dem der Schnee alles weiß machte.
Und ich sagen konnte:
„Wir sagen ab.“

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