Verwundet im Dienst

Wie das System mich krank machte – und trotzdem aufrecht

Wer war Gustl Mollath?
Wer war Wilhelm Schlötterer?
Und warum erinnern sich Menschen an sie, wenn ich meine Geschichte erzähle?


Gustl Mollath
ein Mechaniker aus Nürnberg.
2003 äußert er den Verdacht,
dass seine damalige Ehefrau
illegale Schwarzgeldtransfers in die Schweiz tätigt.
Er meldet es – an Behörden, Banken, Gerichte.
Man glaubt ihm nicht.
Ein Gutachten – erstellt ohne persönliche Untersuchung –
erklärt ihn für wahnhaft.
2006 wird er in die Psychiatrie eingewiesen.
Sieben Jahre lang.
Bis ein interner Bericht der HypoVereinsbank bestätigt:
Er hatte recht.


Wilhelm Schlötterer
langjähriger Beamter im bayerischen Finanzministerium.
Er weigerte sich, Parteifreunden der CSU
steuerliche Vorteile zu gewähren.
Er wurde versetzt.
Kaltgestellt.
Ausgebremst.
Später schrieb er das Buch:
„Macht und Missbrauch – von Strauß bis Seehofer“
und wurde zur Stimme derer,
die in der Loyalität zum Dienstherrn
nicht die Pflicht zum Schweigen sehen.


Wenn ich meine Geschichte erzähle, höre ich oft:
„Das klingt ein bisschen wie Mollath.“
Und ich weiß, was sie meinen.


Ich bin nicht Mollath.
Ich bin nicht Schlötterer.
Aber ich habe erlebt,
was ihnen widerfuhr – im Kleinen.
Nicht weil ich falsch lag –
sondern weil ich nicht gepasst habe.


Ich habe Missstände gemeldet.
Nicht einmal.
Nicht vage.
Sondern vielfach. Substantiell.
Ich habe sie intern adressiert:
Dienstaufsichtsbeschwerden –
Remonstrationen –
Petitionen –
Hinweise an interne und externe Meldestellen.
Ich habe nie dramatisiert.
Ich habe dokumentiert.
Und vertraut,
dass das System für den Schutz der Wahrheit offen ist.
Doch das System hat mich ausgeschlossen.


Ich wurde aus dem Dienst genommen.
Man setzte mich ins Verbot.
Offiziell wegen meines Gesundheitszustands.
Inoffiziell, weil ich unbequem war.
Dann legte ich Widerspruch ein.
Aber:
Über meinen Widerspruch wurde nicht entschieden.
Er wurde einfach –
ohne Begründung – aufgehoben.
Ausgelöscht.

Als hätte ich nie gesprochen.


Ich habe niemandem geschadet.
Ich habe niemanden bedroht.
Und doch wurde ich dargestellt –
als Gefahr.
Nicht durch Worte.
Sondern durch subtile Bilder.
Flurgespräche.
Sanktionen.
Entzug.


Nicht mein Verhalten machte mich zur Zielscheibe.
Sondern mein Wesen.


Auch Gustl Mollath wurde als Gefahr betrachtet.
Nicht, weil er gefährlich war –
sondern, weil das, was er sagte,
das System selbst in Gefahr brachte.
Auch ihm wurde kein Gehör geschenkt.
Auch bei ihm entschied man über ihn –
aber nicht mit ihm.


Und dann war da noch das Gesetz.

Die EU-Richtlinie zum Hinweisgeberschutz
gibt es seit 2019.
Sie soll Menschen wie mich schützen.
Doch Deutschland setzte sie zu spät um –
erst 2023.
Und auch danach funktionierte nichts:
Die interne Meldestelle war nicht erreichbar –
die externe überlastet –
der Schutz: ein Versprechen,
aber kein Schild.


Ich meldete.
Ich wartete.
Ich wurde ignoriert.


Und jetzt? Jetzt schreibe ich.
Weil ich nicht mehr schweigen kann.
Weil ich weiß:
Nicht die Wahrheit macht krank –
sondern ihr Verschweigen.


Ich bin nicht Mollath.
Ich bin nicht Schlötterer.
Ich bin ich.
Aber ich schreibe,
weil ich gesehen habe,
wie schnell man in einem Rechtsstaat übersehen werden kann.
Und weil ich nicht will,
dass jemand irgendwann über mich sagt:
„Hätte man ihm damals nur zugehört.“

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